Deutsche Rasengesellschaft e.V. DRG

 

Aktuelles: Ein Bericht zum 123. DRG-Rasenseminar

Bedeutung von „Warm Season Grasses“ im Zeichen der Klimaveränderung

Autoren:
Prof. Martin Bocksch, Vorstandsmitglied Deutsche Rasengesellschaft e.V.
Dr. Klaus Müller-Beck, Ehrenmitglied Deutsche Rasengesellschaft e.V.

 

„Mal sehen, was sich verändert hat“, mit diesem Gedanken saßen wohl einige der rund 65 Teilnehmer des 123. Rasenseminars der Deutschen Rasengesellschaft am 26./27. September 2016 in ihrem alten Hörsaal in Geisenheim. Die Seminarteilnehmer wurden von Hochschulpräsident Prof. Dr. Hans R. Schulz begrüßt und gemeinsam mit Prof. Dr. Alexander von Birgelen, Fachbereich Landschaftsarchitektur, zuständig für den noch jungen Bereich Pflanzenverwendung, erfuhren alle Teilnehmer die interessante Geschichte der traditionsreichen und dennoch nach dem Alter jüngsten Hochschule Deutschlands. Nach einigen Restrukturierungen erfolgte 2012 die Gründung der Hochschule Geisenheim University, die zuvor zur Hochschule Wiesbaden zählte.

In Verbindung mit dem Leit-Thema: „Gräserverwendung im Zeichen von Klimaveränderungen“ hatte die DRG den Standort Geisenheim bewusst ausgewählt. Die Exkursion des ersten Seminartages konnte somit von Station zu Station fußläufig durchgeführt werden, eine interessante Erfahrung für die Seminarteilnehmer, über die hier berichtet werden soll.

 

Sommertrockene Rasenflächen an der Villa Monrepos
Abb. 1: Sommertrockene Rasenflächen an der Villa Monrepos in Geisenheim, mit einigen herausstechenden Teilbereichen von Bermudagrass (Cynodon dactylon).
(Alle Fotos: Dr. Klaus Müller-Beck)
Martin Bocksch
Abb. 2: Martin Bocksch erläuterte mögliche Gründe für die Verbreitung von Cynodon dactylon am Standort Geisenheim.

 

Bermudagrass im Rheingau

Weite Teile des Parks südlich der Villa Monrepos sind Rasenflächen. Den Teilnehmern präsentierten sie sich in einem bedauernswerten Zustand. Wenige, allerletzte Gräser waren  fast abgestorben und die Flächen wurden von einigen tiefwurzelnden Unkräutern dominiert. Ursache und Folge einer sehr extensiven Pflege, die sich auf Mähen beschränkt und einer zusätzlichen Südneigung der Rasenfläche. Bei der Begehung von Ost nach West fielen alsbald jedoch zunächst Flecken, später weite Bereiche mit einem dichten, grau-grünen Grasteppich auf. Bermudagrass (Cynodon dactylon) hatte hier große Teile der Rasenanlage dicht bedeckt.

Wie dieses „Warm Season“ C4-Gras nach Geisenheim kam, dazu stellte Martin Bocksch drei Hypothesen vor:
A) Mit den Römern, via Rhein, der schon immer eine vielgenutzte Handelsstraße war und ist. Dies würde auch die zahlreichen weiteren einzelnen Bermudagrass-Funde entlang des Rheingrabens begründen.

B) Mit den von Lade aus Süd-Europa, vornehmlich wohl Italien, eingeführten exotischen Bäumen und Sträuchern, die überall im Park verteilt stehen. Im großen Umfang jedoch in diesem sonnenexponierten Teil des Parks, was die Dichte erklären könnte.

C) Bei im westlichsten Teil des Gartens (Lehrbereich) durchgeführten Dachbegrünungsversuchen ist in den 70er Jahren auch mit Bermudagrass experimentiert worden. Dabei soll sich das Gras verselbstständigt und die „Parkeroberung“ gestartet haben.

Wenn man die bei der Besichtigung zu beobachtende aggressive Stolonenbildung sieht und die keineswegs andere Pflege dieser Parkteile bedenkt, ist es umso erstaunlicher, welches Potenzial in dieser Grasart für trockene Standorte steckt.

Den Vergleich dieses Ökotyps unbekannten Ursprungs mit heutigen, modernen Bermuda-gras-Zuchtsorten hatten die Teilnehmer des 123. Rasenseminars im Anschluss in einer Schauanlage mit verschiedenen Warm-Zonen-Gräsern und Sorten.
Hier waren Mitte Juni dieses Jahres vier Warm-Zonen-Gräser – St. Augustingras1, Zoysiagras2, Paspalum2 und Bermudagrass2 (B. mit zwei Sorten sowie dem Geisenheimer Ökotyp) – mittels Sodenstücken angelegt worden. Zwei Düngergaben zum Start und regelmäßiges feucht halten hatten zu einem „typischen“ Auswachsen der Stolone geführt. Da die Gräser nicht gemäht wurden konnten die Seminarteilnehmer das charakteristische Wachstumsverhalten sowie die Färbung und Blüte der Gräser beobachten.
1 = das Gras aus Stecklingen einer ursprünglich aus Tunesien stammenden Pflanze gezogen
2 = die Soden stammen aus der Rasenschule „NovoGreen“ in Tarragona/Spanien

 

Erläuterungen zur Entwicklung von „Warm Season Grasses“
Abb. 3: Erläuterungen zur Entwicklung von „Warm Season Grasses“ im Schaugarten Geisenheim.
Ausläuferbildung des Zoysiagrases (Zoysia japonica)
Abb. 4: Ausläuferbildung des Zoysiagrases (Zoysia japonica) der Sorte ZENITH im ungemähten Zustand.

 

Pflanzenschutz durch UV C-Belichtung

Nach der Mittagspause in der Hochschulmensa wurde es am Nachmittag technischer. Zunächst stellten Frau Prof. Dr. Beate Berkelmann-Löhnertz, Fachbereich Weinbau, Institut für Phytopathologie und Herr Flemming von der Fa. UV-Technik Meyer die neuesten Ergebnisse und Entwicklungen in der UV C-Technik zur Bekämpfung von Pilzkrankheiten in verschiedenen Kulturen, u.a. Weinbau und Rasen, vor. Bei der UV C-Belichtung handelt es sich um ein rein physikalisches Verfahren, damit ist eine Resistenzbildung unmöglich.

Um die Wirksamkeit der UV C-Technik auf Rasen zu untersuchen wurde  ein Grün auf einer Golfanlage damit behandelt. Nun wird in drei verschiedenen Sektoren die Wirkung auf unterschiedliche Arten untersucht. Bereits bekannt von anderen Anwendungen der Technik ist, dass die UV C-Technik nicht alle Mikroorganismen vollständig bekämpft. Es bleiben Reste übrig. Bei Weinbauversuchen hatten daher die Versuchsvarianten mit einem Wechsel aus UV C-Behandlung und konventioneller chemischer Bekämpfung die besten Ergebnisse, besser als rein chemische Bekämpfungssysteme.

 

Frau Prof. Dr. Berkelmann-Löhnertz
Abb. 5: Frau Prof. Dr. Berkelmann-Löhnertz (v.li.) erläuterte die mobile Technik zur Pilzbekämpfung im Weinbau durch UVC-Behandlung.
FACE-Anlage zur Erforschung der Auswirkungen erhöhter CO2- Konzentrationen
Abb. 6: FACE-Anlage zur Erforschung der Auswirkungen erhöhter CO2- Konzentrationen auf die Entwicklung von Gemüsekulturen.

 

Klima-Modellanlage FACE

Anschließend übernahm Prof. Dr. Otmar Löhnertz, Fachbereich Weinbau, Institut für Bodenkunde und Vizepräsident Lehre der Hochschule Geisenheim University, die Gruppe. Nach allgemeinen Erläuterungen zum Versuchsgelände (34 ha Reben und 12 ha Obst) stellte er die FACE-Versuchsanlagen für Gemüsekulturen und Weinbau vor. Das Kürzel FACE steht dabei für „Free
A
ir Carbon Dioxide Enrichment“.
In der Geisenheimer FACE-Anlage für Spezialkulturen werden die Auswirkungen zukünftiger erhöhter CO2- Konzentrationen auf Anbau, Physiologie, Schaderregerbefall und Inhaltsstoffe von Weinreben und Gemüsekulturen untersucht. In mehreren Teilprojekten werden dabei Aspekte von der Emission von Treibhausgasen aus dem Boden, über die Phänologie und den Ertrag von Gemüsekulturen, die Interaktionen zwischen Pflanzen und Schaderregern bis hin zu Veränderungen in den Inhaltsstoffen und der Produktqualität von Reben und Gemüse unter erhöhten CO2-Konzentrationen bearbeitet.

Durch ein ausgeklügeltes kreisförmig angeordnetes Düsensystem wird CO2 jeweils von der windzugewandten Seite in das Kreissystem geblasen. Jedes FACE-System besteht aus sechs derartigen Kreisen. Im Kreis soll ein um 20 % höherer CO2-Gehalt (480 ppm) als in der Atmosphäre (390 ppm) erzielt werden.
Derzeit laufen fünf Doktorarbeiten zur Bearbeitung der Fragestellungen in Geisenheim. In Deutschland stehen weitere Anlagen in Gießen zur Erforschung von Grünlandfragen und in Braunschweig.

Rasensportplatz zum Schluss

Nach einem kurzen Fußweg erreichten alle Exkursionsteilnehmer das „Rheingau Stadion“  Geisenheim, die letzte Sportanlage mit einem Rasenplatz im Rheingau.
Darüber hinaus gibt es eine Gymnastikwiese, einen Kunstrasenplatz und Leichtathletikeinrichtungen. Der Rasenplatz hat damit nicht nur eine zentrale Bedeutung für 12 Fußballmannschaften, einige Turnvereine und fünf Schulen in Geisenheim und Rüdesheim, sondern darüber hinaus auch für den gesamten Rheingau.

In den letzten Jahren hatte sich im Rasen der Purzelkäfer zum Problem für den Platzwart entwickelt. Beachtliche Krähenschäden, die durch Fertigrasen bzw. im letzten Jahr durch Neu-/Nachsaat repariert werden mussten, haben mittlerweile im zweiten Jahr zum Einsatz von Nematoden zur biologischen Bekämpfung der Engerlinge geführt.

Dass Engerlinge des Purzelkäfers auch von Seminarteilnehmern sofort gefunden wurden, bestätigt die Notwendigkeit der jüngsten Behandlung, die Mitte September stattgefunden hatte. So soll dem Hauptschaden im Herbst vorgebeugt werden.

 

„Rheingau Stadion“ Geisenheim
Abb. 7: „Rheingau Stadion“ Geisenheim mit Rasenplatz und Leichtathletik-Anlage.
Engerlinge des Purzelkäfers
Abb. 8: Engerlinge des Purzelkäfers.

 

Weitere Informationen zu den Vorträgen am zweiten Seminartag können Sie im Teil 2 sowie als Veröffentlichung in der Zeitschrift European Journal of Turfgrass Science, Ausgabe 4-2016 einsehen.

 

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